Die Jahre des Versteckspiels sind vorbei. Dieses Zurückziehen unter vorgeschobenen Anlässen. Das Kauern im Dunkel, die zugezogenen Vorhänge, innen wie außen. Es ist Zeit, sich zur Sucht zu bekennen. Und es tut, das endlich frei und vor aller Welt zuzugeben: Ja, ich schaue Dschungelcamp. Schon in der sechsten Staffel. Und gegenüber den Exkrementen aus *Comedy* (Kojak Anal, Cindy aus Marzahn, etc…) und Talk finde ich das Camp gehobene Unterhaltung. Apropos Exkremente: In direkter Nachbarschaft hat eine „Pizzeria, Trattoria, Döner“ aufgemacht. Na, da kann man doch gleich Kakerlaken fressen. Erinnert mich an die quirlige Ossi-Wirtin, die auf Malle ein Restaurant eröffnet hat, um mittels Dönner und Pommes der darbenden Kundschaft die deutsch Küche näherzubringen. Ganz, ganz wunderbar.
Kapitel 1, Teil 2
Seine Therapeutin hieß Karin. Und Karins Praxisräume waren eigentlich keine Praxisräume. Das Wartezimmer war ein schöner Leseraum mit einem mitteilungsbedürftig knarzenden Schaukelstuhl und einer Riesenmatratze. Beide luden ein, sich beim Warten zu setzen oder hinzulegen. Vor beidem fürchtete sich Jakob, denn beides forderte ihm Entspannung ab.
Um sich jedoch zu entspannen musste er zunächst einmal ein Höchstmaß an Spannung aufbauen. Denn entspannte er, oder vielmehr: fühlte er sich gedrängt zu entspannen, dann taten sich unter ihm gleich viele tiefe Löcher auf. Und nichts fürchtete er so sehr, wie in diesen Löchern zu versinken. Jahre hatte er nun schon darauf verwendet, sich ein Konstrukt der Begehbarkeiten zusammenzuzimmern, ein filigranes System, auf dem er einigermaßen balancieren konnte. Das war für ihn der einzige Weg, zu überleben.
Deshalb benutzte er, wenn er beim Eingang die Schuhe abgestreift hatte und in das als Wartezimmer getarnte Lesezimmer geschlüpft war, weder Schaukelstuhl noch Matratze, sondern stellte sich in deren Mitte. Rechts der Schaukelstuhl und links die Matratze bildeten auf diese Weise eine Art Geländer. Egal zu welcher Seite er fiel, er landete weich.
Er stand einem Holzelefanten gegenüber, der den Rüssel nach oben trug. Elefanten, die den Rüssel in die Luft strecken, fangen das Glück auf. Diese Bedeutung wird ihnen jedenfalls zugeschrieben. Vor etwas mehr zwei Jahren hatten er und Karin sich über die Elefantenfigur ausgetauscht – es hatte sich sogar ein kurzes Gespräch darüber ergeben; das letzte, zusammenhängende Gespräch mit seiner Therapeutin, an das er sich erinnern konnte.
„Damals“ pflegte er heute zu denken, wenn er für sich alleine war und etwas Komisches hervorbringen wollte, „Damals bestand noch Grund zur Hoffnung.“ Denn er war noch ums Reden bemüht. Er hielt die Sprache für eine Pforte aus dem Labyrinth, das er in und um sich baute. Aber die Worte waren ihm unterdes ausgegangen. In diesen letzten beiden Jahren hatte er das Reden fast zur Gänze ad acta gelegt.
Da stand er nun, in diesem Bermudadreieck zwischen Schaukelstuhl, Matratze und Glückselefant, und seine Gedanken plätscherten in die Tiefe, weit nach unten, und streichelten dort wie Wasser eckiges und rundes Gestein.
