21.01.12 GESCHICHTEN AUS DEN WOLKEN
Eine Woche Besuch von Mutti gehabt. Eine gute Zeit. Einer der letzten Monolithen gegen das Internet. Da fiel mir doch gleich ein, dass ich da irgendwo noch einen Blog habe, den ich lange Zeit nicht gefüttert habe. Doch worüber schreiben? Über großmännische profilneurotische Präsidentendarsteller? Eurokabarett? Rettungsschirmvoyeurismus? Schreibe gerade einen Roman. Das Werk heißt Gescichten aus den Wolken, und um viel mehr geht es eigentlich nicht. Esoterischer Quatsch eben, typisch Call. insgesamt umwoben von seltsamen unangebrachtem Glücksstaub.dritter Frühling? Segen verfrühter Demenz? Freu mich jetzt schon doll auf die senile Bettflucht!!!!! Kapitel 1.1 aus meinem Buch.
1.
Es war ein warmer Herbsttag, als er seiner Therapeutin gegenübersaß. So wie jeden Montag und Donnerstag, immer zur selben Zeit, immer von 11 Uhr 40 bis 12 Uhr 30.
Da er auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und lieber früher vor Ort war als zu spät, verbrachte er meist noch eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten auf einer der Parkbänke, die um den Brunnen auf einem Platz in der Nähe seiner Therapeutin gruppiert waren. Einem Brunnen, dessen Gestaltung sich ihm nicht erschloss. Das filigrane Objekt beschrieb einen kleinen, abgegrenzten Kasten, dessen innere Fläche mit scheinbar wahllos zusammengetragenen Steinen befüllt war, über die mit langsamen Impulsen stetig Wasser floss. Was genau hatte der Künstler dem Betrachter damit wohl sagen wollen? Eckige und runde Steine – und darüber floss Wasser. Da hatte jemand eine Menge Arbeit und Zeit hineininvestiert, also musste er sich zuvor doch auch Gedanken dazu gemacht haben?
Unzählige Male hatte er den Brunnen umkreist und nach einem Namensschild gesucht, einer Spur des Künstlers, der Aufbaufirma oder wenigstens des Stifters – irgendwas. Irgendwas, das eine Verbindung aufbauen konnte zwischen ihm und dem Ding, das da für ihn plätscherte. Einmal hatte er sogar in Erwägung gezogen, eine Gebrauchsanweisung für den Brunnen abzufassen, aber diese Idee dann als töricht verworfen. Schließlich ging es ihm nicht um die korrekte Inbetriebnahme des Objekts, sondern um seinen tieferen Sinn. Nicht um die Ausführung wollte er Bescheid wissen, sondern um die Abfärbung – auf seinen Verstand, sein Herz, sein Gemüt. Er hatte die Hoffnung, dass er, wenn es ihm gelänge, wieder mit Objekten in Kontakt zu treten, auch zu den Menschen wieder Zugang finden könne, die sie erschufen.
Ob geformt, gemeißelt, geschmiedet – wenn etwas von Menschenhand geschaffen und zu einem bestimmten Ort gebracht, dort sogar ausgestellt worden war, dann musste doch ein höherer Gedanke dahinterstecken! Und würde es sich nicht lohnen, diesen Gedanken zu erforschen? Jemanden zu finden, der ihn teilt oder ihm widerspricht?
Aber so sehr Jakob sich auch mühte, jeden Montag und Donnerstag, jeweils von 11 Uhr 20 bis 11 Uhr 38 danach zu forschen – er fand den bindenden Gedanken nicht. Nichts Aussagekräftiges, nichts ästhetisch Ansprechendes oder Abstoßendes. Der Brunnen sprach nicht zu ihm. Er sprach zu niemandem. Er war ein stummes Gebilde, geformt aus eckigen und runden Steinen, über die Wasser plätscherte. Er hätte genauso gut nicht da sein können.
Diese traurige Erkenntnis berührte Jakob sehr an jenem warmen Herbsttag im Oktober, als er besonders früh gekommen war, um dem Brunnen eine seiner vielen letzten Chancen zu geben, ihm sein Geheimnis zu eröffnen. Und schon bevor er den Weg in die vierte Etage nahm, wo seine Therapeutin ihre Praxisräume unterhielt, wusste er tief in sich, dass sich etwas einschneidend ändern würde, dass er einen Schritt weichen musste in der dieser fremdvertrauten Welt, die sich jeden Tag neu vor ihm aufbäumte und die er immer wieder zu bewältigen suchte.
Fortsetzung folgt….
