Callfabriks Blog
Hier erscheint der alltägliche Wahnisnn – Willkommen in meinem Theater!
Montag, 02.03.09: So, nun ein erster Versuch, so etwas wie ein Tagebuch zu installieren – möge es interessieren, wen es wolle, Hauptsache es verschafft mir entschleunigendes Entstressen, was ich nach unterdes 10 Wochen Dauerhölle in den eigenen vier Wänden bitter nötig habe. Nach dem Brand im unteren Stockwerk folgte Räucherkammer im Oberstübchen, seit 4 Wochen nun Sanierung mit stetem Einfall von Bauarbeitern, die das Klischee des schmucken Proleten mit Waschbrettbauch ins Illusionsreich von US-Pornos verbannen. Spüre, dass das Anstrengendste am Verlust der Intimität die ständige Verfügbarkeit ist. Horror!!!! Aber auf Pro7 toben, wie ich gerade im Trailer sehe, ab morgen wieder die besten Mentalisten Deutschlands über den wehrlosen Schirm – eindeutiges Indiz dass es anderen Existenzen wesentlich beschissener gehen muss. Auf traurige Wise macht diese Erkenntnis Mut…
03.03.09: Es gibt ja diese Morgen, da man erwacht und sich fühlt wie nach einem Presslufthammer-Peeling. Und wenn man sich am Abend zuvor eine Mehrfachlage Wodka eingeholfen hat, ist dagegen auch gar nichts einzuwenden – von nichts kommt nichts. Bei mir jedoch ist der aktuelle Dauerkater Ergebnis von Wohnraumvernichtung und anschließendem Wiederaufbau – das nervt gewaltig. Zudem hat sich unterdes meine Stimme, zum zehnten Mal binnen der letzten 2 Wochen, komplett verabschiedet. Okay, also einfach mal Fresse halten. Wäre übrigens, wenn ich die heutigen Nachrichten reflektiere, einigen Zeitgenossen zu empfehlen. Insbesondere Frank-Walter Steinmeier, Verzweiflungskandidat der SPD für die nächste Kanzlerschaft, der sich indes nur noch *Frank* bzw. *Franky* nennen lässt. Demnächst werden ihn die geistig umnachteten Wahlstrategen unserer sozialdemokratischen Quartalsirren wahrscheinlich noch braun anpinseln, uns die Schleiereule als deutschen Obama zu verkaufen. Ich bin zunehmend fassungslos. Auch übrigens ob des Bodenschleifers, der momentan in meinem Salon… nun… den Boden schleift. Der hat die geheime Gabe, mit diskretem Charme wirklich ununterbrochen auf sich aufmerksam zu machen und beängstigend dunkle Gedanken in mir zu wecken – am liebsten würde ich seine diversen Maschinen an ihm ausprobieren und ihm eine Generalüberholung verpassen, die er, mal ganz objektiv betrachtet, bitternötig hätte. Aber ich gebe zu, ich bin da recht harsch und ungerecht, das ist Ergebnis unserer seit 4 Wochen währenden Zwangsehe, die allerdings Samstag zu Ende gehen wird. Samstag!!!!!! Freunde der Sonne, Kinder der Nacht – ich werde versuchen, nun die Restbestände geistiger Fragmente in mir wachzurufen und mich meines eigentlichen Berufs besinnen. Ja, ich werde wieder schreiben. Keine Gebrauchsanweisungen, Montageanleitungen, Reinigungsratgeber, sondern… ja, was eigentlich?
04.03.09: Wer das Gefühl der Depression nicht kennt, der sollte sich mal früh um 7 durchs Morgenprogramm der TV-Kanäle zappen, da kommt eine trübe Grundstimmung auf, die den Start in den Tag zu einem wahrhaft schweren Vorkommnis werden lässt. Wenigstens tut unterdes um diese Uhrzeit der Tag so, als würde er in sich das Vorhaben nähren, irgendwann mal zu beginnen. Ich weiß ja nicht, wann das angefangen hat, dass die Welt im Oktober das Licht ausknipst und frühestens im März wieder an Morgengrauen denkt – aber diese Zweijahreszeitenaufteilung der hiesigen Hemisphäre (9 Monate als Herbst getarnter Winter, 3 Monate als Herbst getarnter Sommer) macht mich auf meine alten Tage doch recht mürbe. Wieso nur konnte ich mich nicht für die Malerei entscheiden? Wieso nicht als altglitschiger Nackedei wie Picasso an irgendeiner spanischen Steilküste eine durch Schweinekot zusammengehaltene Kemenate beziehen, irgendwelche Elevinnen beschälen und wehrlose Leinwände mit Abstraktem bekleistern – dies alles freilich nur als kreativer Vorwand, um von Früh bis Spät Rotwein zu saufen und sich die Sonne auf den haarigen Pelz brennen zu lassen… Warum nur, warum? Stattdessen hocke ich hier im ungnädigen Berlin und schaue dem Himmel zu, wie er den geduldigen Asphalt bekotzt. Glückwunsch – genauso habe ich mir in jungen Jahren des Überschwangs mein Leben vorgestellt. Wenn ich dann allerdings einige Minuten von einer Sendung wie *Frauentausch* auf dem intellektuellen Leuchtturm RTL2 aufschnappe, wo übergewichtige HARTZ-IV-Empfängerinnen sich die Berufsbezeichnung *Hexe* zulegen und die humanoide Schimmelschar daheim als “beste Familie der Welt” bezeichnen – nun, dann denke ich, mir geht’s doch ganz gold, gell? Man sollte in seinen eher schattigen Stunden ohnedies den Vergleich zur noch finstereren Dunkelheit suchen, dann ist man dankbar für jeden Lichtschimmer. Gestern Abend übrigens war meine Reinigungskraft Frau Schulzen wieder vor Ort, die unerschrockene Drachentöterin im Krieg gegen Ruß und Staub. Sie unterhielt mich vortrefflich mit ihren aktuellsten Polen-Erlebnissen, wo ihr Mann wohl für das öffentliche Süffeln einer Büchse Bier 15 Euro abdrücken musste. Wie bitte? Kein Saufen unter freiem Himmel? In Polen? Verkehrte Welt. Frau Schulzen kehrt in ihrer Unermüdlichkeit wirklich jede noch so verloren geglaubte Sonne aus den Zimmerecken. Wunderbar. Wäre sie 40 Jahre jünger und ich 50 Jahre älter, ich würde sie heiraten. Aber der Zug ist abgefahren…
Nachtrag: Apropos abgefahrene Züge – interessiert eigentlich irgendwen, was die Welt im Innersten zusammenhält? Außer Goethens Faust freilich. Also, mich weniger. Physik war mir schon zu Pennälerzeiten ein Gräuel. Wobei ich Naturwissenschaften nicht generell ablehne, allerdings gelang es meinen Paukern dereinst nicht, mir deren prickelnde Brisanz nahezubringen. Ich denke sowieso, dass die wandelnde Bildungslücke meiner Generation, die ja das heutige Gesellschaftsleben so eindrücklich einschläfernd gestaltet, aus der Saftlosigkeit ihrer Le(e)hrkörper resultiert. Und genau die Pappnasen, die den Bildungsnotstand beklagen, geben selbigen unbeirrt weiter. Drollig. Erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein interessantes Interview mit Nick Leeson, der ja Mitte der 90er die Barings Bank vor die Wand fuhr und mit seinen Spekulationen mehrere 100 Millionen versenkte. Der meinte, diejenigen, die damals bei seiner Kontrolle versagten, oxidierten heute immer noch auf denselben Posten die gute Luft weg. Und da wundert sich auch nur eine Sau über die Weltfinanzkrise? Ich gehe jede Wette darauf ein, dass exakt die verblödeten Sesselpuper es sind, welche den Karren tief in den Dreck gefahren haben, die vollkommen unbeschadet aus der Misere wieder hervorgehen. Entweder sie lassen sich den pilzigen Hintern mit Milliardenabfindungen vergolden, oder sie sitzen den Crash aus und belohnen sich nach staatlichen Bürgschaften mit einem steuersubventionierten Learjet. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und während sich die zu Managern aufgestiegenen Bildungslücken auf den Schrecken einen Champagner einhelfen, wird bei *Kaisers* die Kassiererin wegen des Verdachts der Veruntreuung zweier Getränkebons im Gesamtwert von sagenhaften 1,30 Euro fristlos entlassen und diese Kündigung durch alle Instanzen gerichtlich bestätigt. Verkehrte Welt. Erwähnte ich das bereits?
05.03.09: Einkaufen am Vormittag. Ein ganz eigener Irrsinn. Baumarkt beispielsweise. Da vertut sich eine Spezies namens Heimwerker die Zeit, die nur peripher was mit der menschlichen Gattung zu tun hat. Heimwerker gewanden sich in stets pflegeleichtes Tuch von völlig undefinierbarer Farbe (die nicht einmal der perverseste moderne Bildschmierant in feuchtestem Fiebertraume zu mischen verstünde) und können sich stundenlang mit Nägeln, Schrauben und Klodeckeln verlustieren – die Brigaden, die sich bei Lacken und Lösungsmitteln herumtreiben, nehme ich da bewusst aus, die halte ich für Junkies und deren Verhalten daher für durchaus nachvollziehbar. Ich vermute, der Heimwerker hat gar kein Heim zum werken. Die wenigen Stunden, da der Baumarkt seine Pforten schließt, wird der Heimwerker an Aufladestationen in Containern zwischengeparkt, um dann morgens mit gefülltem Akku wieder in betriebsamer Geschäftigkeit ins Regallabyrinth gehetzt zu werden – da haucht einen schon ein bisschen “Westworld” an, in diesem Falle halt “Obiworld” oder “Bauhausworld”. Apropos Bauhaus: Neben dem praktischen *Dachkoffer* für den Kleinwagen, in dem man getrost die verblichene Verwandtschaft transportieren kann um so Friedhofstransportkosten zu sparen, und dem Duschkopf *Samoa*, der einem die Gülle im Säuglingsstrahl über den Kopf pinkelt, gibt es dort als Megaangebot des Monats den guten Teppich *Zimt*. “Zimt” soll dabei wohl die Farbe des Ekelknüpfwerks beschreiben, ein Mittelding zwischen Schonmalgegessen-Braun und Zahnbelag-Gelbgrün. Wer sich mit Solcherlei die gute Stube verschönert, der muss wahrlich keine Angst mehr vor dem Tod haben… Was mich an das gestrige Geburtstagsgelage erinnert, wo wir zu Gast waren. Da wurde mein Gatte Marcel allzu rasch als Mediziner identifiziert, was das Thema sofort wieder auf den unabwendbaren Niedergang brachte. Durchaus faszinierend und mir in den 9 Jahren unseres Zusammenseins ein stehendes Rätsel, wieso die Menschen, sobald ein (angehender) Arzt in der Nähe ist, mit fast selbstzerstörerischer Lust die Zersetzung der eigenen Innereien oder derer ihrer Liebsten aufs Tapet bringen. So im kleineren, intimeren Rahmen kann ich das ja verstehen – aber Darmpilz am Büffet? Ich weiß ja auch nicht. Dachte mal wieder drüber nach, dass es mir eine gute Überlebenstechnik scheint, Siechtum und Tod bis zur Ultima Ratio zu verdrängen. Wieso sich ununterbrochen mit dem Unabwendbaren herumschlagen? Das scheint mir denn doch eher masochistisch. Aber ich schweife ab – passiert mir sonst nie!!!! … Nach Bauhaus zu IKEA: Hier fechten scheidungsdeterminierte Jungfamilien, die ihre schreienden Bälger in die Metallsitze ihrer Einkaufwaggons pferchen, mit bebrillten Akademikerehepaaren, die ihre üppigen Freistunden abfeiern, Schlachten um Eigenbauplastiken mit Namen wie “Skylla”, “Müllbülla” oder “Wöhlfühlgülla” aus. Hier liebe ich besonders die Fraktion der Schlenderer. Schlenderer sind vorzugsweise Damen über 40, deren Nachwuch unterdes paarungsreif ist und dessen Nestflucht bei den Hausfrauen ein Beschäftigungsvakuum hinterlassen hat, welches sie nun ausfüllen, indem sie “einfach mal” zu IKEA fahren, sich “einfach mal” nen Einkaufswagen grapschen (oder eine dieser überdimensionierten Mülltüten, wahlweise in gelb oder blau – hat IKEA eigentlich einen Partnervertrag mit der FDP?) und “einfach mal” das Warenangebot auf sich wirken lassen, um “einfach mal” die Duftkerze Gütmüffla, die Zimmerpalme Grünblättla oder den Bodenrost Dreckfängla zu erbeuten. Diese Schlenderer wecken regelmäßig den Mörder in mir. Denn Schlenderer bestechen nicht nur durch ihre terroristisch gemütliche Lahmarschigkeit, mit der sie dringlich wirklich jeden anzustecken suchen, sie nehmen auch noch die ganze Breite des Gangs ein. Selbst wenn der Schlenderer mal allein und nicht in der Herde auftritt – was selten genug passiert – ist er absolut unüberholbar. Der Schlenderer stiehlt Dir Lebenszeit… Da sind mir die Hartz-IV-Legionen, die morgens ihre Stütze in der Spirituosenabteilung von LIDL verpulvern und so unsere Wirtschaft ankurbeln, fast schon sympathisch. Bei denen geht’s rasch, sonst droht der Entzug. Tagestipp: Bei den Billigdiscountern niemals nach 16.00 Uhr einkaufen, dann ist Rentnerstoßzeit; die hungern nach Gesellschaft und passen den Feierabend der arbeitenden Bevölkerung ab. Und wer, wie ich, schon mehrfach hinter unseren sympathischen Grauschöpfen in der Schlange stand und bezeugen durfte, wie sie zittrig einen Euro in Rotgeld abzählten, der weiß, dass er bei wiederholtem Erleben dieses Spektakels eines Tages adäquat reagieren könnte und eine mehrjährige Haftstrafe riskiert. Seid auf der Hut, Seelenfreunde, es lohnt nicht! Ein bisschen was haben wir schließlich noch vor…
06.03.09: Kontrolliertes Kampfsaufen. Das Schlimmste am Rausch ist die anschließende Ernüchterung, die das Grau noch etwas grauer erscheinen lässt. Der alkoholinduzierte Größenwahn hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Betrunken kannst Du alles, bist Du alles, und die Welt kann Dich am Arsch lecken. In der Katerstimmung stellst Du dann fest, dass Dein Gesäß gar nicht groß genug ist für einen globalen Leckangriff. Habe zu allem Überfluss eine FDP-Mail erhalten, die nun ihre Wahlkampfzentrale *Ideenreich* nennt – welch neckische Doppeldeutigkeit. Offenbar hat man sich seitens der Li(e)beralen entschieden, den Stimmenfang via Internet zu tätigen. Es obamat an allen Ecken und Enden. Bloß dass Deutschland keinen Obama hat, sondern die FDP nur Westerwelle, was dann doch eine Schmalspur in Sachen Hoffnungsträchtigkeit (oder heisst es Hoffnungstragik???) ist. Das entwickelt sich langsam zur Tragödie, dass jede Partei einen eigenen Obama erschaffen will, wir aber halt bloß über die braven und überschaubar visionären Steimeiers, Özdemirs, Merkels und Lafontaines verfügen. Eher traurig bis trostlos. Andererseits aber auch wieder witzig zu sehen, wie sich unsere als Gesellschaftsspitzen getarnten Spießbürger plötzlich aufschwingen und mit schlecht bis gar nicht ausgebildeten Stimmen und jämmerlicher Rhetorik versuchen, jung charismatisch und zukunftsweisend zu wirken. Erinnert mich an die alten Knacker, die jenseits der 60 dringend noch ein Balg in die Welt setzen müssen, um ihre vermeintlich immerwährende Jugend nachzuweisen. Alles zwecklos. Verbraucht bleibt verbraucht, kleinbürgerlich bleibt kleinbürgerlich – da beißt die Maus keinen Faden ab. Habe gestern Nacht auf unserer Clubtour, völlig anderes Thema jetzt, übrigens wieder mal festgestellt, dass die aktuelle Frisurenpoltik, speziell die Herren betreffend, an Körperverletzung grenzt. Die Jungs, ob 15 oder 50, laufen herum wie die Beatles auf Acid – die Bubihaarhelme putzig gefranst ins Gesicht gekämmt, möglichst die Augenpartie verdeckend. Herrgott, wie sehen die denn noch was? Außer Haaren? Wieder mal ein eindeutiges Indiz dafür, dass man für Frisuren eigentlich einen Waffenschein braucht. Aber was solls? Wenns weiter nichts ist, dann ist die Welt ja einigermaßen im Gleichgewicht. Gleichgewicht, Mitte – das sind so Begriffe, mit denen ich mich aktuell herumschlage. Sollte ich meine Mitte finden, dann grüß ich sie recht herzlich von mir. Bis dahin pendle ich zwischen den Extremen. Es gibt wahrlich Schlimmeres…
07.03.09: Eine mir besonders ans Herz gewachsene Untergattung unserer Spezies sind die Zweimalklingler. Das sind diejenigen, die ihre Ankunft für so wichtig erachten, dass sie regelmäßig sturmläuten. Zweimalklingler sind auch leidenschaftlich penetrante Anklopfer und passionierte Scheibentrommler. Werden sie zur Türe nicht hereingelassen, finden sie stets ein Fenster, an dem man vorsichtshalber nochmal kratzen kann (Motto: “Ich dachte, Sie haben mein Klingeln überhört!”). Der Zweimalklingler an sich kann nicht begreifen, mal nicht eingelassen zu werden – sei es, weil niemand zuhause ist, oder dass man einfach niemanden sehen will. Derlei passt nicht in seinen Kosmos. Deswegen klingelt , klopft und trommelt der Zweimalklingler stoisch, bis man sich dieser emotionalen Erpressung nicht mehr entziehen kann und den Türöffner betätigt. Der Zweimalklingler ist übrigens auch ein Lautsprecher – das ultimative Symptom unangenehmer Blödheit, wenn sich Leute immer einen Tick zu geräuschvoll mitteilen. Außerdem ist er ein Tellerhinhalter – unfähig, sich selbst Essen aufzutun, hält er seinem Weib oder irgendwem anders, den er für verantwortlich hält, das Porzellan unter die Nase, es zu befüllen. Zweimalkligler sind notorische Stehpinkler (die im Gießkannenprinzip ihren Urin übers ganze Badezimmer verteilen, damit bloß jede Kachel in den Genuss des Balsams der edlen Tröpfchen kommt), Eau-de-Toilette-Verweigerer (weil der gegorene Eigenschweiß doch immer noch die natürlichste Duftnote ist), Immerdiegleichengeschichtenerzähler, Nachdemabschiednichtgehenwoller (damit gepaart die Lichtausknipser) und vor allem sind sie Verkapptfaulenzer, die es vermögen, ihren dauernden Müßiggang als Schwerstarbeit zu tarnen – dies ist übrigens die einzige Eigenschaft, um die ich die Zweimalklingler beneide. Zweimalklingler sind, wenn sie zeitgleich Stehpinkler sind, Männchen – bei ihrer Rasse dominiert ohnedies der maskuline Anteil. Wenn sich das Zweimalklinglermännchen mit einem Weibchen paart (hierfür zieht er, neben seinem Partnertier Marke *quadratisch, praktisch, gut*, preiswerte Nutten aus dem ehemaligen Ostblock vor), dann geht das normalerweise sehr rasch, denn seelisch ist er ein Leporidae mit sehr kleinem Purzel. Ich muss zugeben, dass ich Zweimalklingler aus tiefster Seele verachte. Mein Bodenmensch, der heute letztmalig hier aufschlug, ist ein Zweimalklingler. Vier Wochen hat unsere unheilige Allianz nun angedauert, vier Wochen lang wurde ich meiner Privatsphäre beraubt, mit Manierenlosigkeit an den Rand diverser Nervenzusammenbrüche manövriert, durch den Verzicht auf jegliche natürliche Distanz mit Koliken gesegnet, durch stetes Zuspätkommen mit Magengeschwüren bedacht, durch die Komplettokkupation meines Lebensraums in die Wüste der schleichenden Verblödung getrieben. Ja, unterdes bin ich kein Mensch mehr, ich bin zur Wanderdüne geworden, die auf den benetzenden Regen der Inspiration hofft, auf dass aus ihrem Haupte bald wieder Blüten sprießen. Jawohl, heute hat das Elend ein Ende, und die Wanderdüne darf wieder hoffen. Sie darf sich in ihrem Terrain ausbreiten und zur Ruhe kommen. Wenn diese ganze Brandscheiße etwas Gutes hatte, dann, dass ich indessen das Eigenleben, das man jeder Amöbe zugesteht aber keinem Sanierungsopfer, wahrhaftig zu schätzen weiß. Freunde der Sonne, Kinder der Nacht – die Woche hat ein Ende und mündet naturgemäß im Wochenende. Ich werde es biertrinkend und fernsehglotzend auf der Couch unseres neuen Wohnzimmers verbringen. Das Leben ist schön – Life is worth living.
09.03.09: Schwere Schicksale. Ich habe den Eindruck, kein mediales Format kommt mehr ohne die Präsentation eines schweren Schicksals aus. Junge Leute, zumeist weit unter 20 und schon komplette Versager (was an sich schon eine erwähnenswert reife Leistung ist) werden dazu genötigt, sich vor Millionenpublikum zum Horst zu machen und eine Karriere als Schlagerbarde, heute nennt man das Pupsstar oder Superstar, in Angriff zu nehmen. Na ja, Hauptsache sie sind weg von der Straße und man gönnt Ausnüchterungszellen und JVA’s auch mal ne Auszeit. Aber als sei dieses ganze aufgesetzte, affektierte, größtenteils talentneutrale Geplärre, Gehampel und Gezappel nicht genug, wird den pubertierenden Pickelfressen unterdes ein *schweres Schicksal* auf- und zugedichtet. Ich fürchte, dafür gibt es schon einen Fachbegriff – ich kenne ihn nicht, aber ich würde mal auf *destinying* tippen. Ich kann mir das lebhaft vorstellen – die Redaktionskonferenz alkoholisierter oder/und zugekokster Zyniker, die auf dem Reißbrett das zu präsentierende Frischfleisch durchgehen und es *destinyen*. “Du, hatte der nicht letztens Durchfall? Malaria! Ebola!” “Von der ist der Opa gestorben, daraus machen wir ein besonderes Verhältnis, das können wir dann in ein paar Wochen sogar noch als Missbrauch ausschlachten”. So oder so ähnlich. Besonders beliebt das schwere Schicksal des Arbeitslosen – vom Hartz IV Empfänger an die Spitze!!!! Wobei niemand mal auf die Idee kommt, die Frage zu stellen, wieso ein Mittzwanziger dringend ALG2 beziehen muss? Mit Verlaub – wie wäre es mit arbeiten? Sorry, blöde Frage, ich nehme sie sofort zurück. Musste aber bei der letztwöchigen Dilettantenparade einmal wirklich herzlich lachen, als ich kurzzeitig in *Germanys Next Topmodel* zappte und eines der ‘Määäädchen’ atemlos haspelte, wie irre *chwer* es sei, was man hier lerne, nämlich das Laufen, und zwar auf Schuhen!!!! “Das is so chwer, auf Chuhe su laufen, ssso ssso chwer!” Endlich kommt das Fernsehen seinem Bildungsauftrag und holt die Versäumnisse der Eltern nach – es bringt den Kindern das Laufen bei! Köstlich. Nachtrag: Eben war der Zweimalklingler wieder da. Zunächst scharrte er an der Türe, nachdem ich nicht öffnete, klingelte er mehrfach zweimal. Schließlich gab ich dem Drängen nach. Gestern Abend übrigens war er auch hier, da konnte ich ihn auf Marcel abschieben. Er habe “was vergessen”, meinte der Zweimalklingler zur unterdes wieder sehr sehr verdörrenden Wanderdühne, nämlich “ein graues Metallding”, cirka 30 cm lang, ungefähr 1 Pfund schwer, das habe Folien beschwert und sei von hohem sentimentalen Wert. Ich habe das graue Metallding nicht gesehen, ehrlich nicht. Ich habe es auch nicht entsorgt. Ich zweifle allerdings an der Existenz des Dings. Ich glaube vielmehr, der Zweimalklingler ist auf was Festes mit mir aus. Nun sind die Böden hier bewältigt, was macht man da? Wenigstens hat er geschafft, dass mir die Pumpe geht – hat aber nichts mit Schmetterlingen im Bauch zu tun, eher mit Klappmessern in der Tasche. Das nächste Mal werde ich standhaft bleiben und nicht mehr öffnen, egal wie sehr er scharrt, klingelt, wimmert und maunzt. Er muss sich mit dem Unabänderlichen abfinden – es ist aus. Die Sache, die heute vor 4 Wochen begann, ist vorbei. So schwer es auch fällt, das zu akzeptieren – neue Kapitel wollen geschrieben, frische Felder beackert werden. Nachtrag 2: Einer muss noch. Während man so räumt und wischt und vor sich hinsaniert, kommt man ja dazu, sich von Sendungen berieseln zu lassen, die man sonst nur in Probenpausen oder Wachkoma sieht – beispielsweise *We are family* auf Pro7, eine sogenannte Real-Life-Doku, die täglich ab 14.00 Uhr gescheiterten Existenzen Forum für Selbstdarstellung bietet. Das, was sich dort dann darstellt, ist in erster Linie kaputt. So wie heute. Da merkt die Voiceover, betroffene Seelentante mit stets unverbindlicher Besorgnis, zum Bild eines qualmenden Zombiegirlies mit offensichtlichem Eisenmangel, an: “Allein beim Rauchen kann die 17jährige schwangere Jennifer Dampf ablassen.” Oha… Später sagt dann Jennifer, lodernde Lichtgestalt all unserer moralisch einwandfreien Kindergeldabstauber und Sozialschmarotzer: “Abtreibung käm für mir nie infrage. Da tät ick eher 10 Kinder kriejen, wie abtreiben.” Gesagt, getan… Nun, für das Führen eines PKW braucht man eine Fahrerlaubnis, für das einer Schusswaffe einen Waffenschein, für die gefährlichste Waffe an sich, den Nachwuchs, reicht Geschlechtsreife – Glückwunsch. Das Fass, das da aktuell in mir überläuft, werde ich heute nicht mehr aufmachen – gleich habe ich noch einen Termin, und ich will die potentiellen Geschäftspartner nicht unter meinen gerade den Horizont verdunkelnden Launewölkchen leiden lassen. Übrigens hörte ich, in Süddeutschland breche aktuell das Frühjahr an. Freunde des Südens, hier droben sind wir davon noch weit weit entfernt!
10.03.09: Erkenntnisse. Gestern Nachmittag, tatsächlich während eines Geschäftstermins, küsste mich plötzlich die Erkenntnis, dass ich dieses Jahr mein 20stes Bühnenjubiläum begehe. Auf diesen Scheißjob habe ich also die besten Jahre meines Lebens verschwendet?!? Okay, ganz so bitter fällt die Bilanz nicht aus. Dennoch – ein moderater Schock bleibt. Auch die Eigenkonfrontation mit der Tatsache, dass dieses gern hinzugezogene Argument, wenns nicht läuft, “dann mach ich eben was anderes”, nicht mehr wirklich zieht. Der eine oder andere Zug, machen wir uns nichts vor, ist abgefahren – oder, um es drastischer zu formulieren: Das Warten auf neu abfahrende Züge lohnt nicht. Klar, man kann immer *was anderes* machen – nur fraglich, ob’s jemand bezahlt. Man verstehe mich nicht flasch: Ich bin zufrieden mit meinem Job. Ich mag ihn bisweilen geradezu. Es gibt sogar Momente des Glücks. Aber was hätte aus mir werden können? Klimaforscher? (Das wäre zumindest ein Berufszweig, der aktuell floriert.) Staranwalt? Wirtschaftsminister? Hirnchirurg? Astronaut?… Okay, Astronaut ist eher unwahrscheinlich, aber es wären schon andere Dinge gegangen als das Bühnenberödeln in verschiedensten Funktionen. Who knows? Wenn ich nochmal von vorn beginnen könnte… keine Bange, dieses Fass wird hier jetzt nicht aufgemacht; für das beliebte Midlifecrisis-Quiz ist weder Zeit noch Ort, und besagte Krise hatte ich bereits mit 25, aber bisweilen ist dieses Gedankenspiel schon interessant. Könnte ich es nochmal machen… ich würde es ganz sicher nicht gleichtun. Freilich würde ich wieder im selben Beruf landen, höchstwahrscheinlich im selben Metier. Aber wer wirklich von sich behauptet – und diesen Unfug hört man ja oft und gern – er/sie/es würde alles wieder ganz genauso vergurken wie getan, nun, der/die/das blickt entweder auf ein höchst erfülltes Dasein zurück (eher unwahrscheinlich), ist vergesslich (schon eher möglich) oder vollkommen verblödet (dies steht zu befürchten). Auf einige Fehler kann ich dankend verzichten, und die eine oder andere nachhaltige Blessur müsste ich mir auch nicht dringend nochmal zuziehen. Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann man davon ausgehen, dass sich diese Frage ohnedies nie stellen wird – und an dem Punkt des Sich-mit-Unabwendbaren-Herumschlagens waren wir doch schonmal, gell? Bilanzieren ist eine Sache, die ich lieber der Buchhaltung überlasse. Erkenntnis Nummer 2, ihr Kuss erwischte mich heute Vormittag feucht und klebrig: Nun, da in der Bude alles mehr oder weniger den Platz gefunden hat, der ihm zugedacht war, bemerke ich plötzlich, dass es gebrannt hat, und dass wir hier 3 Monate lang mit sagenhafter Langmut gehaust haben wie die Wildschweine im Räucherofen. Ja, es ist wirklich so, als würde mit dem sich abzeichnenden Ende der Sanierung erst in mir das Begreifen erwachen, was für ein absoluter Irrsinn hier abgegangen ist. Dass man im Knochenmark des Urvertrauens erschüttert, seines ursächlichsten Lebens, seiner Wurzeln und Energie komplett beraubt wurde, bloß weil irgendwelche Honks eine Etage südwärts vermeinten, der Räumungsklage durch die Kurzzeiteröffnung eines Mammutgrills zu entgehen. Jetzt fühle ich die Kraftanstrengung, und eine bleierne Müdigkeit; und den übergroßen Erholungshunger – einfach mal ein paar Tage, eine kurze Zwischenzeit bloß, aufhören zu existieren und anfangen zu leben. Erkenntnisse, ich sag’s ja… Nachtrag: Lese gerade über das sagenhafte *Revival der Suppe* – wusste überhaupt nicht, dass sie zwischenzeitlich verstorben war. Zeitgleich verabreichte im TV die lesbische Stefanie ihrer schwängerungswilligen Lebensgefährtin Melanie das ersehnte Spendersperma, was dem Revival der Suppe eine… nun… pikante Note verlieh. Wer es übrigens genau wissen will: Das mit Mellies Schwangerschaft hat nicht geklappt.
11.03.09: Heute früh erweckte mich die Erleuchtung. Marcel hat *Zwischendienst*, der geht erst um 11.00 los. Das ist schon eine bedeutende Erleichterung nach 4 Tagen Frühdienst, wo es um halb 6 rausging, und mein eher leichtes Schläfchen lässt mich dann auch immer um diese Stunde den lieben Tag begrüßen – ein weiteres Argument für ein zweites Schlafzimmer. Heute also Zwischendienst, der früher mal *Gleitschicht* genannt wurde, was ich wesentlich aparter finde. Im TV lief zum Aufwachen eine christliche Sendung. Menschen, die zu Gott gefunden haben, lächeln grundsätzlich so, als hätten sie Crack geraucht. So auch die junge Farbige, die ihr persönlich entwickeltes Trostprogramm zum Besten gab: Sich einfach die Namen der Verstorbenen vorzubeten. Finde ich gut. Schult nicht nur ungemein die Erinnerung, sondern schärft auch das Bewusstsein, dass man als Aufzählender noch im Diesseits weilt. Und irgendwie, der Dame mit dem Betonlächeln zufolge, führt das Totenlisten zur Erleuchtung. Nur sarkastische Zeitgenossen werden diese Erleuchtung mit Schadenfreude gleichsetzen – nach dem Motto “Ha, den hats schon erwischt, und die, und den…” Nein, Freunde, so ist sie nicht gedacht, die göttliche Erleuchtung, sondern… anders irgendwie. Das Schöne am Glauben ist Behauptung statt Erklärung. Da sollte man sich wirklich mal eine Scheibe von abschneiden. Und wenn man schon unfähig ist, den eigenen Verstand auszuknipsen – Grundvoraussetzung für jedwedes seriöse Praktizieren einer Religion – dann sollte man sich zumindest das dümmlich-entrückte Drogenlächeln zulegen und hoffen, dass es aufs Innere abfärbt. Dann sind die ersten Meter auf dem Weg zur Beleuchtung schon beschritten. So einfach ist das…
12.03.09. Absagen. Bisher war mir das ein Fremdwort. Früher habe ich nie was abgesagt. Nochmal 50 Stunden Arbeit? Klar doch, hab ja erst 100 hinter mir! Ich kann alles, ich bin Supermann… ach was, Supermann ist gegen mich eine lauwarme Lusche! Das stimmte natürlich nicht. Mehr als einmal habe ich mir so das Hirn zu Weichkäse verarbeitet und durch dieses Dunst aus Denkmus alles andere als klar gesehen. Stets darauf erpicht, nicht bloß alle anderen, sondern auch mich zu überholen, gefiel ich mir dabei auch noch im kapriziösen Zitat des weidlich ausgelutschten Bildes der Sternschnuppe, die zwar nur kurz, dafür um so heftiger glüht. Bullshit! Wer will schon eine Sternschnuppe sein? Die erfüllt doch bloß Wildfremden Wünsche und ist erloschen, bevor sie sich einen eigenen ausgedacht hat. Nein, ich will keine Sternschnuppe mehr sein, auch kein Mond oder Saturn, überhaupt kein Himmelskörper. So was gebe ich nach meiner letzten Diät auch physiognomisch gar nicht mehr her. Eine Wanderdühne möchte ich eigentlich auch nicht sein, die bewegt sich so langsam und verschluckt soviel. Ich will ein leicht abgehalfteter Ritter auf der Suche nach seinem Reich der Mitte sein. Und dazu gehören nun mal auch… Absagen. Nicht immer Gewehr Beifuß zu stehen, nicht immer alles zu können, nicht jede Frage an die Befindlichkeit Dritter zu richten, sondern sich selbst zumindest deren Gewichtigkeit einzuräumen und sie auch sich zu stellen. Zu begreifen, dass man auch abkömmlich ist. Die unablässige Travestie der Unersetzbarkeit verhindet nicht unsere Austauschbarkeit. Und die Erkenntnis der eigenen Austauschbarkeit scheint mir einer der wenigen Vorteile des Alterns, das zu 99% – lasst euch da keinen Sand in die Augen streuen, Freunde der Sonne – eine Riesenscheiße ist. Ich spürte in mir das zarte Zippeln eines sich gemächlich anschleichenden Burnouts – auch so eine Altersscheiße, dass unsere Seele uns bisweilen das Signal sendet *Bis hierher und nicht weiter* – und habe reagiert. Ich sagte die Wiederaufnahmeproben nächste Woche ab, einfach weil ich denke, dass die Schauspieler und meine treuen Seelen von Dramaturgie und Technik das dort unten in Reutlingen auch ganz gut ohne mich hinkriegen. Schon hat das Burnouttierchen seine Krallen wieder eingezogen und ist unters Sofa geschrubbelt. Da lauert es gewiss noch eine Weile, bis ihm die Puste ausgeht und Frau Schulzen es per Staubsauger eliminiert. Ja, es tut schon ganz gut, wenn man, im Rahmen der Vertretbarkeit und ohne dass man jemandem Schaden damit zufügt, etwas absagt. Denn wäre ich der Supermannlüge aufgesessen und hätte das gefräßige Burnouttierchen mit nach Süddeutschlad verschleppt – wer weiß, was dann erst für Schäden entstanden wären? Garantiert hätte es mir die Haare vom Kopf gefressen. Nachtrag: Nach dem Amoklauf von Winnenden, wo ein 17jähriger Versager nach Vorankündigung im Internet zunächst 15 Menschen und dann sich selbst mit Papas Knarre niedermähte, warnen Experten vor *Sicherheitswahn*. Mal ein Vorschlag zur Güte, Leute: Nehmt doch all den Hobbyjägern und Sportschützen, deren Wahl der Freizeitbeschäftigung eh nicht unbedingt auf ihre erhöhte Intelligenz schließen lässt und die ja offensichtlich zu doof sind, ihre Waffenschränke zu verschließen, einfach ihre Wummen ab. Es gibt so viele andere schöne Hobbies: Basteln, Backen, Briefmarkensammeln. Und wer seine Manneskraft in Treffsicherheit finden möchte, der kann doch auch mit Bällen auf Büchsen werfen. Gar nicht so schlecht, diese Idee, was?
15.03.09: Der Sonntag wurde erschaffen, ihn im Bett zu verbringen. Man kann einfach nichts Gescheites mit ihm anstellen. Als Kinder empfanden wir ihn immer als Horror, verdammt dazu, die Ruhe der Eltern nicht zu stören und der Tortur besinnlicher Familienprogramme im TV ausgesetzt. Heute ist das nicht viel anders, wobei man selbst zu dem alten Sack geworden ist, um dessen Ruhe sich gefälligst die Restbelegschaft zu kümmern hat. Nach den letzten bewegten Tagen durchweht mich die leise Befürchtung, irgendwas kommt da noch, irgendwas folgt – normalerweise das klassische Windei, aber man weiß es nicht. Vielleicht gilt es ja bloß, sich von dieser zahnschmelzerweichenden Ruhe und Stille, die die Welt ausstrahlt, nicht absorbieren zu lassen. Habe eben einen Artikel über Dieter Althaus gelesen, der ja letztens einen Skiunfall hatte, bei dem eine Frau ums Leben kam. So tragisch das auch sein mag – passiert doch alle Tage. Nun unkt die Presse, er würde wahrscheinlich nie in die Politik zurückkehren können, und zitiert hierbei Experten, die schon allein weil sie gefragt werden in schaumlippige Fabuliersucht verfallen. Als wäre jeder Verunfallte danach sogleich unbrauchbar!!!! Was für ein Blödsinn. Aber Hauptsache, mal wieder ein Thema gefunden. Ich appelliere hiermit feierlich für themenfreie Tage und gehe mit gutem Beispiel voran. Der heutige Sonntag wird zur themenfreien Zone erklärt!
16.03.09: Anmerkung. In St. Pölten begann der *Jahrhundertprozess* gegen den Fritzl Sepp, der ja 24 Jahre lang seine Tochter im Keller gefangenhielt und vergewaltigte und vorsichtshalber für die heutige TV-Übertragung die Hackfresse hinter einem blauen Aktenordner verbarg. Anlässlich des Prozesses hat nun ein findiger Gastwirt in St. Pölten das *Fritzl-Schnitzel* auf die Karte gesetzt. Das *Fritzl-Schnitzel* – ich fasse es nicht. Na, was wird das wohl für ein Rezept sein???
17.09.09: Heute wieder einen unfreiwillig genialen Satz eines angehenden Modells vernommen: “Früher hatte ich keine großen Pläne – da habe ich gegessen.” Wunderbar. Der vierte Tag ohne Handy. Das Ende der Erreichbarkeit. Ungemein verführerisch, der Gedanke, es dabei zu belassen. Was vor 13 Jahren als Hilfsmittel begann, hat sich unterdes zum Körperteil entwickelt. Gar nicht so ungewöhnlich die Situation, da vier Leute an einem Restauranttisch sitzen und jeder einzeln in den an seinem Ohr klebenden Knochen bellt. Da fragt man sich bisweilen schon, ob die mobile Erreichbarkeit der Förderung der Kommunikation oder der Vereinzelung dient. Einfach öfter abschalten?
18.03.09: Entweder es wird Frühling oder ich komme in die Menopause oder beides – unmotivierte Hitzewallungen lassen den Verdacht hormoneller Schwankungen aufkommen. Vielleicht sollte man aber einfach bloß die Heizung ausschalten… Genieße in letzter Zeit besonders Berichte über Auswanderer – also solche, die dem schnöden deutschen Vaterlande den Rücken kehren um in der weiten Welt das Glück zu ernten, das ihnen hierzulande nicht vergönnt ist. Die gehören normalerweise nicht unbedingt der geistigen Elite an und wollen die Restwelt mit Pensionen, Fremdenzimmerbaracken oder Strandkneipen erfreuen. Geht freilich so gut wie immer in die Hose, weil die Auswanderer nie der Landessprache der von ihnen erwählten Nation mächtig sind und natürlich gerade dort die Frage nach ihren kaufmännischen Fähigkeiten eher negativ beantwortet wird. Ja, um Himmelswillen – wer es hier nicht gepackt hat, wieso sollte ausgerechnet der es in Brasilien, Neuseeland oder Finnland peilen? Wieso denkt eigentlich heute jeder, der zuhause versagt, die ganze Welt würde auf ihn warten? Ist das die Schuld des Internet? Der Globalisierung? Grundwasservergiftung? Zumindest verhelfen die Auswanderer den TV-Sendern zu pilzartig sprießenden Doku-Soap-Formaten, die einen regelrecht überschaubaren Unterhaltungswert besitzen – das ist doch auch schon was. Ob die Präsenz im Abendprogramm ein hinlänglicher Grund ist, sein Heimatland zu verlassen und seine Existenz abzureißen – nun, das darf bezweifelt werden. Aber jedem Tierchen sein Plaisierchen… Nachtrag: Heute geht die Meldung über den Ticker, dass die Manager von AIG die staatlichen Milliardenhilfen genutzt haben, um sich erstmal Boni in Höhe mehrerer Hundert Millionen selbst auszuzahlen. Das ist echt ganz großes Kino, das kann man sich überhaupt nicht selber ausdenken. Würde ich mich der Fäkalsprache bedienen, dann würde ich fragen, wie diese abgehalfterten Arschkaffer es vermögen, sich morgens im Spiegel zu betrachten, ohne sich vollzukotzen? Aber ich bediene mich ja nicht der Fäkalsprache, das wäre ja äußerst Pfui, also frage ich lediglich, wo die Herrschaften wohl ihr Selbstwertgefühl hernehmen? Stürzen die ganze Welt in die Krise und vergolden sich genau dafür den Hintern. Wow, wusste gar nicht, wie viel Klischee auf dieser Erde möglich ist.

Na, das ist doch mal was und klingt auch so richtig nach Wahnsinn und was das aller schlimmste ist – nach alltäglichem Wahnsinn… Congratulation.
Viel Spaß beim Weiterbloggen, werde interessiert darüber lesen:)
beste Grüße
geertnerin
Na bravo, weiter so. Ich erinnere mich mit Freude an dein Tagebuch aus Reutlingen. Du kommentierst so schön seelenverwandt. Möge deine Zunge ordentlich Gift spritzen…
Liebste grüße, Eva
Nachdem ich schon zweimal in Eurer Küche “Bel Air” kostenfrei mir meine bronchialen Zellen vergiften durfte und ich die Luft im Hausflur als erfrischend und rein empfunden habe, bin ich voller Bewunderung darüber, dass offenbar Dein “Brain” nicht vernebelt wurde, durch feinsten Holzstaub und weiterhin bestehenden Brandgeruch. Ich, die im 3. Stock nur die homöopathische Dosis des Ganzen, im Vergleich zu Euch, mitbekomme, habe kriminelle Vorstellungen darüber, was ich mit den Mitarbeitern der Hausverwaltung Jeder anstellen könnte, wenn mir einer dieser Larven persönlich begegnen würden. In der Vorahnung dessen, lässt sich natürlich keiner hier blicken.
Haltet durch. Samstag…….
Bin jetzt schon ein Fan von Deinem Tagebuch und werde gespannt weiterlesen, um zu erfahren, was sich unter meinen Füßen mental bewegt. Grüsse von oben…Roschi
Das Leben führt zum Tode, zweifelsfrei. Das wiederum, je nach Standpunkt, kann als optimistisch oder pessimistisch gelten. Morgendlicher TV-Konsum freilich läßt da keine Wahl. Vor kurzem erfuhr ich folgenden schlichten Satz, welcher die jeweils möglichen Standpunkte nach meinem Dafürhalten gültig beschreibt. Während Pessimisten meinen: “Die Situation ist so schlimm, schlimmer kann’s nicht mehr werden”, meinen Optimisten: “Doch, das geht!”.
Was also lehrt uns das Abwettern einer ständig steigenden Anzahl von Jahren in Stadt und Erdkreis? Wenn die Begegnung mit der Dämlichkeit der planetaren Mitbewohner in alltäglicher Verdünnung schon zur Plage werden kann, sollte der Kluge höhere Konzentrationen dieser Dämlichkeit, hervorgerufen durch fernsehformatgerechtes Einsieden, tunlichst vermeiden. Die Grenzen des eigenen Humors so massiven Angriffen auszusetzen, kann nur riskieren, wer keiner sonstigen Feinde gewärtig sein muß. Kommt das vor in der Natur? Möglich. Im morgendlichen TV-Programm kommt’s mit Sicherheit nicht vor.
Möge die Fröhlichkeit obsiegen – möglichst grundlos.
Kasper
Als in grauer Vorzeit noch der Postmann zweimal klingelte, passierte, kaum war er im Hause, ebenfalls Schreckliches. Und Erotisches. Der Postmann klingelt heutigentages keinesfalls zweimal, vermutlich klingelt auch ein einziges Mal nur dann, wenn ihm das Paket nicht zu schwer erscheint, das er vom Kastenwagen zur Haustür tragen müßte – und wenn der zu Beliefernde nicht die Frechheit besitzt, in einem der oberen Stockwerke zu hausen. Ansonsten dient das unleserliche Ausfüllen eines Vordruckes doch eher der Bequemlichkeit, also der des Postmannes, insoferne er irgendeiner Form von Schriflichkeit mächtig ist – wenngleich: ist letzteres nicht der Fall, erfährt die Unleserlichkeit eine kaum wahrnehmbare Steigerung.
Von Erotik kann unter solchen Umständen naturgemäß keine Rede sein, allenfalls von Mordgelüsten bei den auch einfach Unbeklingelten, Unbelieferten, deren Bequemlichkeit derartiges Verhalten des Postmannes eben nicht dient. Mutig voran, laßt uns zu jener Poststelle eilen, die wir gestern noch an ihrem sich stetig weiter von unserem Wohnort entfernenden Orte erblickten. Vielleicht erhaschen wir sie noch, ehe sie sich auflöst im Nebel der Zeit und des Kapitalismus, mitsamt unserem armen, unbeklingelten Paket.
Trauert nicht, ihr Nord(ost)lichter, so euch des Frühlings blaues Band nicht winkt …! Wenn tatsächlich im Süden Deutschlands Frühling ausgebrochen sein sollte, muß er bei der Einreise nach Österreich kassiert worden sein. Auf das “grenzenlose” Europa kann sich eins auch nie nicht verlassen.
Meinen herzlichen Glückwunsch! Zwanzig Jahre! Ein erkeckliches Sümmchen an Jahren, Monaten, Wochen … und immer noch in Liebe vereint.
Kein Hochzeitstag – ein Bühnenjubiläum? – Was tut’s, überragen die Vergleichbarkeiten nicht beiweitem die Unterschiede? Beharrlichkeit siegt!
Die pure Leidenschaft fordert als Brennstoff bekanntlich ein gerüttelt Maß an Fremdheit — nach zwei Jahrzehnten *Bühnenberödeln* fürchte ich, kommt einem trotz dem heißesten Bemühen um kindliche Naivität sogar am gewaltigen *Geheimnis der Kunst* das eine oder andere Zipfelchen bekannt vor. Speziell der Zipfel, daselbst die Kunstgeheimnisverwalter sich tummeln.
Wie spricht in Schnitzlers “Einsamem Weg” der Doktor so weise? — “Ich glaub, man wird gewöhnlich das, was man hätte werden können.” Die Abzweigung *Hirnchirurg* war möglicherweise schon vor ein paar Monaten ausgeschildert … wobei: wie nennst du deinen Job? … schon klar, das Salär macht den Unterschied!
*Zwischendienst* – klingt dass nicht hinreissend kommunikativ! Ärztliches Eilen zwischen dem einen und dem nächsten nach Zuwendung lechzenden Patienten … der Doctor, unermüdlich zwischen den Menschen, dienend — oder doch eher Dienst zwischen der Ablösung des einen erschöpften Kollegen bis zur eigenen Erschöpfung und dem Dienstantritt des nächsten, hoffentlich noch vor Diensteifer sprühenden Kollegen? (Da nützte sicher die eine oder andere *Gleitschicht* beim Dienstwechsel und anderwo.)
Vor ein paar Monaten lernte ich das Wort *Tastendienst*. Auch hübsch. Solcher widerfährt Kapellmeistern (vermutlich allenfalls 2. Kapellmeistern) und Korrepetitoren, wenn im Orchester ein Tasteninstrument gebraucht wird. Dann wird einer der obengenannten abkommandiert und regiert unten im Orchestergraben das Cembalo, das Klavier, die Orgel … also die sperrigen Dinger mit den weißen und schwarzen Tasten.
Auch erfuhr ich bei gleicher Gelegenheit, daß Studiosi anderer Orchesterinstrumente an den Hochschulen, die neben ihrem Hauptinstrument verpflichtend das Fach *Klavier* zu belegen haben, die entsprechenden Unterrrichtseinheiten als *Schwarz-Weiß-Drücken* bezeichnen, was große Hochachtung vor dem Klavier als Musikinstrument ausdrückt. Da versteht man doch gleich besser, weswegen späterhin in Orchestern die *Gleitschichten* zwischen den Patienten häufig so ramponiert sind. Kein Doctor da für den *Zwischendienst*!
Für die folgende triste Feststellung bitte ich im Vorhinein um Vergebung.
Trotzdem: Der Zeitpunkt an dem die Knechte der AIG (als nur ein beliebiges Beispiel) samt ihren Herren sich im Spiegel nicht mehr anschauen können kommt (aber nur vielleicht) jetzt.
Nein! nicht weil sie Staatshilfen für selbstverschuldete Fehler abzocken und sich damit den Arsch vergolden, das fetzt doch! — sondern weil sie die Kohle womöglich nicht behalten können!
Es zählt (wörtlich!) nur ein Kriterium: “Haben – Nicht Haben”.
In dieser Sprache läßt sich “Selbstachtung” und das ganze andere sentimentale Zeug nicht ausdrücken. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren, das berauschende Mantra des Kapitalismus — und es funktioniert doch bestens! (OK, möglicherweise nicht für uns.) Never change a winning system!
Das, lieber Kasper, sehe ich genauso. Freue mich derzeit immens über Opel und das sentimentale Gewäsch der Genossen, die staatlich einsteigen wollen, während auf der anderen Seite der hiesige Opelvorstand bereits Werkschließungen und Massenkündigungen verheißt – na, das nenne ich doch wahrlich subventionierungswürdige Aussichten!!! Und apropos Haben-Nichthaben: Obamas wüstes Vorhaben, die Boni nun mit 90% zu besteuern, ist ja auch eine abenteuerliche Rechnung: Wir stecken 100 Millionen rein und holen 90 Millionen wieder raus. Wäre in diesen Zeiten *wirtschaftliches Denken* nicht zurecht ein Schimpfwort… Dazu fällt mir ein Satz des von mir wahrhaft nicht geschätzten Günther Beckstein ein: “Ich hab immer gedacht, die Manager werden 10mal so gut bezahlt wie wir Minister, weil sie doppelt so gescheit sind. Aber da habe ich mich wohl getäuscht.” Wir sehen und lernen: Täuschung ist alles.
Exakt. Ich bewundere alle unsere Zeitgenossen, die meinen, Täuschung wäre irgendwas Nebulöses, das keinen Anspruch auf *Wirklichkeit* erheben kann. *So irgendwie was Irreales*.
Und wenn eins sich dann ent-täuscht, freiwillig oder gezwungenermaßen, sich also nicht-(mehr)-täuscht, bricht dann womöglich die *Wahrheit* aus?
Nichts da! Täuschung wirkt und erzeugt Wirklichkeit. Sie macht Realität. Ent-Täuschung, also Nicht-(Mehr)-Täuschung allerdings auch.
Frage: Welche Variante sollen-dürfen wir uns denn wünschen wollen?
Da ich Täuschung und Enttäuschung als wichtigste Säulen meines Berufs erachte, ist mir beides gleich lieb. Wer übrigens meinem weiteren Lebensgeblogge folgen möchte, der klicke ganz oben am Kopfe der Seite auf *callfabriks blog*, da erscheinen dann die neuen Tage in einzelnen Artikeln, wie es mir die Computerzauberfrau anriet. Und in Bälde kommen auch reizende Fotos hinzu.